Aktuelle Ausgabe 10/2026
Beiträge
Viola Dombrowski / Marion Müller / Benjamin Rampp / Nicole Zillien
Digitalisierte Partnerschaftsgewalt - Konzepte, Muster, Herausforderungen
Sandra Hahn / Sina Kirschner
Grenzüberschreitende Geldautomatensprengungen
Herausforderungen und Grenzen der europäischen Strafverfolgung
Martin Reiner
Freunde und Helfer als egoistische Rational-Choice Akteure?
Lehren aus der Sächsischen Soko Argus
Alexey Wetz
Sprachmodelle als Ermittlungswerkzeug
Was Large Language Models in der polizeilichen OSINT-Arbeit leisten können - und wo ihre Grenzen liegen
Anna-Franziska Mandt / Nicola Kuret / Dominique Dresen / Ralph Breithaupt
KT-Untersuchungsmethodik zur Kriminalitätsbekämpfung
Die Untersuchung der Handrückseite für forensische Zwecke
Josef Smolík / Ivana Olecká / Ondřej Kolář
Ethische Aspekte der Sicherheitsforschung - Teil 1
Ingo Wirth
Hans Schneickert (1876-1944) und sein wissenschaftliches Werk
Eine Würdigung zum 150. Geburtstag
Recht aktuell
Jürgen Vahle
Fahrlässige Tötung durch Überlassen einer Waffe an Nichtberechtigten?
BGH, Beschl. v. 3.12.2025 - 4 StR 331/25
Barbara Blum
Raub oder räuberischer Diebstahl
BGH, Beschl. v. 21.1.2026 - 3 StR 546/25
Jürgen Vahle
Beweiswert von Schätzungen eines Zufallszeugen
BayObLG, Beschl. v. 11.3.2026 - 201 ObOWi 105/26
Kriminalistik Schweiz
Silvia Staubli / Jonas Hagmann
Sensibilisierung zum Thema Radikalisierung im Schweizer Polizeiwesen
Diskussion der Erkenntnisse mit Fachpersonen und Polizeileitungen
Kriminalistik Campus
Uwe Stephan Soujon
Können wir uns das noch leisten? - Gedanken zu einer Reform der StPO
Florian Irsch
Die Sicherheitspolizei im "Dritten Reich" — Kriminalistische Maßnahmen im Dienste der NS-Ideologie
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Beiträge
Viola Dombrowski / Marion Müller / Benjamin Rampp / Nicole Zillien
Digitalisierte Partnerschaftsgewalt - Konzepte, Muster, Herausforderungen
Digitale Technologien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Zugleich fehlen an vielen Stellen noch systematische Analysen der Digitalisierung sozialer Prozesse. Dies lässt sich auch für den Phänomenbereich der Partnerschaftsgewalt konstatieren: Betroffene, das psychosoziale Unterstützungssystem und die Polizei berichten zunehmend von digitalisierter Partnerschaftsgewalt und den damit verknüpften Herausforderungen. Der Beitrag gibt einen Überblick zu den analytischen Konzepten und empirischen Mustern, die hinsichtlich der digitalisierten Partnerschaftsgewalt in der Literatur diskutiert werden, um abschließend potentielle Lösungswege zu den skizzierten Herausforderungen aufzuzeigen.
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Sandra Hahn / Sina Kirschner
Grenzüberschreitende Geldautomatensprengungen
Herausforderungen und Grenzen der europäischen Strafverfolgung
Geldautomatensprengungen haben sich in den vergangenen Jahren zu einem kriminalstrategisch bedeutsamen Phänomen der grenzüberschreitenden organisierten Kriminalität entwickelt. Auf Grundlage kriminalwissenschaftlicher Literatur, aktueller Lagebilder sowie praxisbezogener Erkenntnisse werden Täterstrukturen, modus operandi und zentrale Herausforderungen der Strafverfolgung analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass hochmobile und technologisch versierte Tätergruppen gezielt strukturelle Defizite der europäischen Zusammenarbeit ausnutzen, insbesondere im Bereich des Informationsaustauschs, der rechtlichen Fragmentierung und der operativen Koordination.
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Martin Reiner
Freunde und Helfer als egoistische Rational-Choice Akteure?
Lehren aus der Sächsischen Soko Argus
Der Blick auf die 2019 in Ostsachsen gegründete Sonderkommission Argus zeigt, dass die Polizei in der Lage ist, auch schwierige kriminalgeographische Räume mit eigenen Mitteln erfolgreich einzuhegen. Zugleich macht eine solche Analyse aber auch deutlich, dass erfolgreiche und innovative Polizeiarbeit nicht nur mit externen Hemmnissen, sondern auch mit innovationshemmenden Funktionslogiken des eigenen Behördenapparats zu kämpfen hat.
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Alexey Wetz
Sprachmodelle als Ermittlungswerkzeug
Was Large Language Models in der polizeilichen OSINT-Arbeit leisten können - und wo ihre Grenzen liegen
Der innerpolizeiliche Fachkräftemangel macht sich vor allem dort bemerkbar, wo die Kriminalität am schnellsten wächst, nämlich im Bereich der Internet-Ermittlungen. Selbst vermeintlich einfache OSINT-Aufträge landen häufig bei den wenigen spezialisierten Fachkommissariaten. Auf Grundlage einer qualitativen Fallstudie mit drei Polizeibeschäftigten wird im Folgenden untersucht, ob und wie ein Large Language Model diese Lücke zumindest teilweise schließen kann. Die Kernaussage lautet: Ein modernes LLM kann die Fachkommissariate nicht ersetzen, jedoch in der Fläche als wirksamer Multiplikator dienen, sofern Fachaufsicht, Quellenprüfung und klare Leitlinien gewährleistet sind
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Anna-Franziska Mandt / Nicola Kuret / Dominique Dresen / Ralph Breithaupt
KT-Untersuchungsmethodik zur Kriminalitätsbekämpfung
Die Untersuchung der Handrückseite für forensische Zwecke
In der Disziplin des forensischen Lichtbildvergleichs werden zunehmend Aufnahmen von Handrückseiten zur Identifizierung von Tätern herangezogen. Die Unterarbeitsgruppe "Handrückseite", unter Leitung des BKA und LKA Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem BSI, dient dazu die Zuverlässigkeit der Methode zu überprüfen und validieren. Hierfür wurden 1.500 Handrückseiten klassifiziert und 4.800 1:1 Vergleiche durchgeführt. Die Untersuchungsergebnisse sollen dazu beitragen, die Identifizierung von Tätern anhand von Aufnahmen der Handrückseiten im forensischen Sinne darzulegen.
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Josef Smolík / Ivana Olecká / Ondřej Kolář
Ethische Aspekte der Sicherheitsforschung - Teil 1
Sicherheitsforschung arbeitet häufig mit sensiblen Informationen und steht in enger Zusammenarbeit mit Polizei und anderen Sicherheitsinstitutionen. Dadurch entstehen spezifische ethische Herausforderungen, die in vielen anderen Forschungsfeldern so nicht vorkommen. Der Beitrag analysiert zentrale ethische Fragen, die in sicherheitsbezogenen Forschungsprojekten auftreten können. Ferner diskutiert er die Verantwortung von Forschenden, Gutachterinnen und Gutachtern sowie Forschungseinrichtungen und geht auf neue Herausforderungen ein, die sich durch internationale Kooperation und den zunehmenden Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Sicherheitsforschung ergeben. Der Beitrag erscheint in zwei Teilen.
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Ingo Wirth
Hans Schneickert (1876-1944) und sein wissenschaftliches Werk
Eine Würdigung zum 150. Geburtstag
In der deutschsprachigen Fachliteratur sucht man vergebens nach einem Autor, der ein vergleichbar umfangreiches Werk mit kriminalistischem Inhalt hinterlassen hat wie Hans Schneickert. Seine zahlreichen Publikationen aus mehr als vier Jahrzehnten beeindrucken durch eine bemerkenswerte thematische Breite. Nahezu ein Vierteljahrhundert war er Lehrbeauftragter an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Diese Lehrtätigkeit gehört zu den Traditionslinien der universitären Kriminalistik an der Berliner Universität. Der 150. Geburtstag von Hans Schneickert im Jahr 2026 bietet den Anlass, sein verdienstvolles Schaffen im Überblick vorzustellen.
PDF-Download der Werkübersicht
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Recht aktuell
Jürgen Vahle
Fahrlässige Tötung durch Überlassen einer Waffe an Nichtberechtigten?
1. Als im Sinne eines Fahrlässigkeitstatbestandes (hier: § 222 StGB) voraussehbar gilt, was der Täter nach seinen persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten in der konkreten Tatsituation als möglich hätte vorhersehen können. Bei der Beurteilung der Voraussehbarkeit muss auch berücksichtigt werden, was im Einzelnen tatsächlich geschehen ist, weil nicht die Gefährdung allein schon die strafrechtliche Verantwortlichkeit eines Täters wegen einer Fahrlässigkeitstat nach sich zieht.
2. Die strafrechtliche Verantwortlichkeit entfällt für Geschehnisse, die so sehr außerhalb der Lebenserfahrung liegen, dass der Täter auch bei der nach den Umständen des Falles gebotenen und ihm nach seinen persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten zuzumutenden Sorgfalt nicht mit ihnen zu rechnen braucht. Schalten sich in den ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Täters und dem Erfolg bewusste und unbewusste Handlungen dritter Personen ein, ist dies regelmäßig dann anzunehmen, wenn der Beitrag dieser Personen zu dem Geschehen in einem gänzlich vernunftswidrigen Verhalten besteht.
3. Wer eine Schusswaffe einem Nichtberechtigten überlässt, muss nicht automatisch damit rechnen, dass dieser mit der Waffe Missbrauch treibt und im Extremfall sogar auf einen Menschen schießt und diesen tötet. Etwas anderes gilt, wenn dem Nichtberechtigten eine waffenrechtliche Erlaubnis bereits unter Berufung auf einen Negativumstand nach § 6 Abs. 1 WaffG verweigert worden ist oder - hiervon unabhängig - "Tatsachen" i.S. dieser Vorschrift vorlagen, die dessen persönliche Eignung in Frage stellen, und dies dem Täter jeweils bekannt
BGH Beschl. v. 3.12.2025 - 4 StR 331/25
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Barbara Blum
Raub oder räuberischer Diebstahl
1. Ein räuberischer Diebstahl gem. § 252 StGB setzt eine vollendete Wegnahme voraus; sie ist vollendet, wenn fremder Gewahrsam gebrochen und neuer begründet worden ist (sog. Gewahrsamswechsel). Zum Zeitpunkt des Einsatzes des qualifizierten Nötigungsmittels muss der Täter deshalb die tatsächliche Sachherrschaft schon erlangt haben.
2. Für das Vorliegen eines Gewahrsamswechsels und damit der Erlangung der tatsächlichen Sachherrschaft ist ausschlaggebend, ob der Täter die Herrschaft über eine Sache derart erlangt hat, dass er sie ohne Behinderung durch den alten Gewahrsamsinhaber ausüben kann und Letzterer über die Sache nicht mehr verfügen kann, ohne seinerseits die Verfügungsgewalt des Täters zu brechen. Ob diese Situation vorliegt, richtet sich nach den Anschauungen des täglichen Lebens.
3. Bei kleinen und leicht beweglichen Sachen reicht es für den Gewahrsamswechsel aus, wenn der Täter die Sache in seine Kleidung steckt oder sie in einem seinerseits leicht zu transportierenden Behältnis verbirgt.
BGH Beschl. v. 21.1.2026 - 3 StR 546/25
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Jürgen Vahle
Beweiswert von Schätzungen eines Zufallszeugen
1. Freie Schätzungen sind grundsätzlich ungeeignet, um einen qualifizierten Rotlichtverstoß zu belegen. Ohne weitere tatsächliche Feststellungen kann eine Zeitschätzung - jedenfalls in einem Bereich von zwei Sekunden - nicht einmal dann eine hinreichende Grundlage sein, zuverlässig unterscheiden zu können, ob nur ein einfacher oder ein qualifizierter Rotlichtverstoß vorliegt, wenn die Schätzung auf einem Mitzählen durch einen Polizeibeamten nach Beginn der Rotphase beruht.
2. Aufgrund des Fehlerrisikos von Zeitschätzungen bedarf es in einem solchen Fall der Darlegung tatsächlicher Anhaltspunkte, die eine Überprüfung der Schätzung auf ihre Zuverlässigkeit zulassen.
BayObLG Beschl. v. 11.3.2026 - 201 ObOWi 105/26
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Kriminalistik Schweiz
Silvia Staubli / Jonas Hagmann
Sensibilisierung zum Thema Radikalisierung im Schweizer Polizeiwesen
Diskussion der Erkenntnisse mit Fachpersonen und Polizeileitungen
Radikalisierungsprozesse können auch Sicherheitsbehörden betreffen und dabei umfangreiche Schäden auslösen. Um dieses Phänomen weiter auszuleuchten und Vorbeugeansätze zu teilen und weiterzuentwickeln, untersuchten zwei angewandte Forschungsprojekte die Einordnung, Erkennung und Handhabung solcher Fälle im Schweizer Polizeiwesen. Dieser Beitrag berichtet von der nachfolgenden Diskussion der gewonnenen Resultate, thematisiert also die angestossenen Sensibilisierungseffekte. Diese wurden anhand von zwei schriftlichen Umfragen erfasst, wobei die erste auf Fachexpertinnen und Fachexperten fokussierte und die zweite auf Polizeileitungen. Die Resultate bestätigen, dass beide Befragtengruppen die Thematik ernstnehmen und mehrheitlich über das Thema sensibilisiert sind. Dennoch bestehen Unterschiede in der Bewertung der Herausforderung und wurden weiterführende präventive Massnahmen soweit erst begrenzt angestossen. Ein Ausblick auf den Umgang mit dem Thema durch europäische Polizeien und andere Schweizer Sicherheitsorganisationen bringt weitere Ideen und vergleicht die erfassten Ansätze mit solchen aus vergleichbaren Sicherheitsbereichen.
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Kriminalistik Campus
Uwe Stephan Soujon
Können wir uns das noch leisten? - Gedanken zu einer Reform der StPO
Der nachfolgende Aufsatz befasst sich mit der Frage, ob eine Reform der Strafprozessordnung und damit auch eine Neuregelung des Strafverfahrens im Sinne einer Verschlankung angezeigt sind. Der Aufsatz geht ebenfalls der Fragestellung nach, ob unsere traditionellen Vorstellungen vom Strafprozess einschneidende Änderungen der StPO überhaupt zulassen.
(Redaktion: Prof. Dr. Sigmund Martin)
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Florian Irsch
Die Sicherheitspolizei im "Dritten Reich"
Kriminalistische Maßnahmen im Dienste der NS-Ideologie
Der Umbau der Deutschen Polizei unter der NS-Herrschaft sowie ihre Instrumentalisierung zum Zwecke der Herrschaftsstabilisierung stellen ein Lehrstück für den Übergang in ein totalitäres System unter Nutzung staatlicher Institutionen dar, wenngleich auch in diesem Feld noch Forschungsbedarf gegeben ist. Mit dem organisatorischen Umbau gingen Veränderungen bezüglich sachlicher Zuständigkeiten wie auch einzelner Aufgaben einher. Dies erfolgte im Gleichklang mit herrschaftssichernder und ideologiebasierter Rechtsetzung. Gleichzeitig wurden neue Mittel und Methoden der Kriminalitätsbekämpfung etabliert, Begrifflichkeiten aufgeweicht bzw. angepasst. Lassen sich einzelne Maßnahmen auch noch dem heute verwendeten und demokratisch legitimierten Werkzeugkasten der Kriminalitätsbekämpfung zuordnen wie etwa die Daktyloskopie, stellen andere wie etwa die "Verschärften Vernehmungen" zu Recht keine Optionen mehr dar. Damit verdeutlicht die im Masterstudiengang "Öffentliche Verwaltung -Polizeimanagement" an der Deutschen Hochschule der Polizei entstandene Hausarbeit, wie es politischen Systemen auf ihren Wegen in die Diktatur gelingt, bestehendes Recht und ihre Exekution für ihre Zwecke anzupassen und durch neue Rechtssetzung und den Umbau der Exekutive zu ergänzen. Zentrale Lehre aus dieser Betrachtung ist die Notwendigkeit, entsprechenden Ansätzen institutionell aber auch individuell bereits frühzeitig entgegenzuwirken.
(Redaktion: Joachim Faßbender)
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